10.04.2017

Wie die digitale Aufholjagd der Generation X gelingen kann

Nicht ein Tag vergeht, an dem nicht in irgendeiner Online-Ausgabe einer Tageszeitung oder eines Wirtschaftsmagazins ein Artikel zum Thema Digitalisierung erscheint.

Nicht ein Tag vergeht, an dem nicht in irgendeiner Online-Ausgabe einer Tageszeitung oder eines Wirtschaftsmagazins ein Artikel zum Thema Digitalisierung erscheint. Folgt man zudem noch speziellen Personen oder Organisationen aus der Technologie- oder Beratungsszene in sozialen Netzwerken, wie LinkedIn oder Facebook, so bekommt man den Eindruck, jeden neuen Artikel bereits dreimal an anderer Stelle gelesen zu haben. Denn die übergeordnete Message ist zumeist die gleiche: Alles wird schneller, vernetzter, effizienter und nebenbei werden völlig neuartige Lösungen, Produkte und Dienstleistungen entstehen.
So weit, so gut. Denn nichts von dem ist falsch, sondern vollkommend zutreffend.
Auch wir beobachten, wie sich Geschäftsmodelle und Wertschöpfungs-Logiken (die Zusammenwirkung verschiedener Menschen, Objekte und Mechanismen, die unsere Bedürfnisse und Wünsche befriedigen) verändern. Dadurch werden die den Menschen und Organisationen zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht mehr über die bestehenden Wege, sondern über völlig neue Wege (z.B. MyTaxi, Whatsapp, Netflix) verteilt. Das führt wiederum dazu, dass gewachsene Wertschöpfungs-Strukturen wie Großkonzerne ins Wanken geraten, da ihre alten Geschäftslogiken im digitalen Zeitalter aus vielerlei Gründen nicht mehr wie bisher funktionieren. Zudem werden diese Großkonzerne durch die ungeheure Skalierungsmöglichkeit digitaler Plattformen sogar durch lächerlich winzig wirkende Organisationen angegriffen. (Mitarbeiterzahl VW: ca. 570.000 vs. Mitarbeiterzahl Uber: ca. 500 | Unternehmenswert VW: ca. 70 Mrd USD vs. Unternehmenswert Uber: ca. 60 Mrd USD).
Dass all diese Veränderungsprozesse primär von digital-affinen, weil damit aufgewachsenen, Menschen (sog. Digital Natives) sowohl auf der Konsum- als auch der Wertschöpfungsseite getrieben werden, und nicht von den 40-60 Jahre alten Männern und Frauen, die eine Familie zu ernähren, ein Eigenheim zu bezahlen, ihre Eltern zu versorgen und eine Unternehmensabteilung in der alten Wertschöpfungslogik zu managen haben, ist auch nicht weiter verwunderlich. Weitaus verwunderlicher ist es, dass sich die oben erwähnte Flut von Digitalisierungsartikeln wenig damit beschäftigt, wie es Menschen aus der Generation X (sog. Digital Immigrants) gelingen kann, aufzuholen, teilzuhaben und zu gestalten. Vielleicht wird die digitale Transformation der Generation X angesichts steigender Lebenserwartungen für eine Volkswirtschaft sogar wichtiger sein, als die Befähigung der ohnehin digitalen und globalen, jüngeren Generation.
Im Kern stellt sich also die Frage: Wie kann es eine Person, die aus zeitlichem Zufall vor 1980 geboren wurde, trotz eines Defizits an digitalen Fähigkeiten schaffen, aktiv an der größten technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Transformation der jüngeren Geschichte aktiv teilzunehmen, anstatt nur passiv zuzusehen?

3 Schritte zur digitalen Aufholjagd

Innerhalb der letzten Jahre durften wir zahlreiche Organisationen aktiv bei ihrer digitalen Transformation begleiten und beraten. Gleichzeitig hatte ich die Gelegenheit, mit vielen Menschen über ihre Wünsche, Sorgen und Ängste hinsichtlich der auf sie zukommenden Veränderungen zu sprechen und mit ihnen zusammen persönliche Lösungsansätze („Den Weg nach vorne“) zu entwickeln. Dabei war bei vielen Gesprächen im Laufe der Zeit auffällig, dass neben zahlreichen, detaillierten Frameworks für persönliche Veränderungsprozesse ein abstrakter, 3-schrittiger Ansatz bereits einen Großteil der Erkenntnisse und Lösungen generieren konnte, ohne dass es dafür professionelle Unterstützung oder Expertenwissen gebraucht hätte. Die Erklärung dafür liegt wohl bei dem unter Beratern geschätzten Pareto-Prinzip (80 % der Ergebnisse sind mit 20 % des Gesamtaufwandes zu erreichen). Die drei Schritte dieses Ansatzes sind: Verstehen – Planen – Ausführen.

Verstehen – Planen – Ausführen, und dabei die richtigen Fragen stellen.

Verstehen

Der erste Schritt, um sich sowohl privat als auch beruflich erfolgreich auf das digitale Zeitalter einzustellen, ist das richtige Verständnis für die eigene Situation zu gewinnen. Die dabei zu beantwortenden Kernfragen sind:

Beruflich

  • – In welcher Art von Organisation arbeite ich und welchen Mehrwert generieren wir für unsere Kunden und die Gesellschaft? [Nicht das Produkt (Bsp. Auto) ist hier gemeint, sondern die konkrete Bedürfnisbefriedigung (Bsp. Mobilität, Freiheit, Status)] – Wem nützen wir?
  • – Gibt es bereits Unternehmen, die mittels digitaler Technologien unseren Wertschöpfungsbeitrag besser, schneller oder einfach anders leisten können?
  • – Was ist meine Rolle in der Organisation, welchen Wertschöpfungsbeitrag leiste ich persönlich in meiner Abteilung?
  • – Gibt es digitale Methoden & Tools (Bsp. Software), die meinen aktuellen Wertschöpfungsbeitrag verbessern/ ersetzen könnten?
  • – Sind meine täglichen Aufgaben größtenteils routinierte oder nicht-routinierte Tätigkeiten? (Hohe vs. Niedrige Automatisierungswahrscheinlichkeit)
  • – Welche Technologien und Startups werden in meiner Branche aktuell ständig diskutiert und warum? Wie können sie unsere Arbeit verbessern/ ersetzen?

Privat

  • – Welche digitalen Interaktionspunkte/ Schnittstellen nutze ich in meinem privaten Umfeld bereits? Gibt es digitale Dinge, die Menschen in meinem Umfeld nutzen, von denen ich keine Ahnung habe?
  • – Warum nutzen (jüngere) Menschen in meinem Umfeld diese digitalen Technologien – welchen Mehrwert haben sie davon und könnte ich nicht auch davon profitieren?
  • – Gibt es bestimmte Dinge, von denen ich mich ausgeschlossen fühle, weil ich bestimmte Technologien nicht nutzen kann?

Während und nach der Verstehens-Phase ist es wichtig, den Dingen nachzugehen und jeweils (ein wenig) Zeit in die hervorgebrachten Themen zu investieren. Durch Youtube-Videos, Ted-Talks, Experten-Interviews etc. kann sich heutzutage jeder Mensch zu jeder Zeit mit minimalem Aufwand das genau für ihn relevante Wissen aneignen.

Planen

Nachdem in der Verstehen-Phase grundsätzlich ergründet wurde, welche Veränderungsprozesse stattfinden und inwiefern sich diese auf das berufliche und private Lebens auswirken werden, zielt die Planungsphase darauf ab, eine mittel- bis langfristige Vision für die eigene, berufliche und private Rolle zu entwickeln. Anschließend dient diese persönliche Vision als Fixpunkt zur Identifizierung der bereits vorhanden/ noch fehlenden Fähigkeiten für die zukünftige Rolle. Die dabei zu beantwortenden Kernfragen sind:

  • – Wo liegen meine persönlichen Kernkompetenzen? (Welche Dinge kann ich besser oder mit weniger Aufwand als viele andere? Was kann mir keiner so schnell nachmachen? Welcher Teil meines aktuellen Jobs macht mir besonders Freude? Was davon ist nicht-routiniert und somit schwer zu automatisieren?)
  • – Welche berufliche und private Rolle möchte ich mittel- und langfristig einnehmen?
  • – Werde ich diese Rolle in meinem aktuellen Job, bei meinem aktuellen Arbeitgeber, in meiner aktuellen Branche ausüben können, oder werde ich diese Rolle in einem anderen Umfeld einnehmen müssen?
  • – Welche digitalen Fähigkeiten werde ich zur Ausübung dieser Rolle benötigen?
  • – Welche dieser digitalen Fähigkeiten besitze ich bereits bzw. welche muss ich noch ausbauen?

Am Ende der Planungsphase sollte ein grober Überblick über die eigenen Kernkompetenzen, Ziele, Fähigkeiten und Fähigkeitslücken stehen. Zudem sollten die jeweiligen Aspekte so präzise wie möglich definiert sein, da sich allgemeine, unkonkrete Ziele wie beispielsweise „Programmieren lernen“ als zu langatmig, im Vergleich zu konkreten Unterfangen wie „einen SAP-Basic-Lehrgang besuchen“, erweisen. Am Ende der Planungsphase sollte schließlich eine Sammlung an Maßnahmen zum Aufbau der eigenen, digitalen Fähigkeiten sowohl im beruflichen als auch privaten Kontext stehen.

Zwei Beispiele:
„In meiner aktuellen Abteilung wird schon seit mehr als einem Jahr über die Einführung von Salesforce gesprochen – ich werde proaktiv handeln und schon vor einer potentiellen Einführung einen Online-Basis-Lehrgang absolvieren. Im Falle einer tatsächlichen Einführung werde ich selbst meinen jüngeren Kollegen Dinge erklären können“
„Meine Kinder nutzen schon seit der Grundschule zahlreiche Apps auf ihren Smartphones. Ich selbst habe jedoch gar keinen Überblick mehr über die Applikationen, die meine Kinder nutzen. Ich werde mir einen ganzen Tag lang von meinen Kindern ihre Lieblings-Apps erklären lassen und sie dabei selbst ausprobieren“

Ausführen

In der letzten Phase geht es schlicht und einfach darum, die Maßnahmen zur Schließung der Fähigkeitslücken, seien es kleinere („Ich werde mir einen Xing-Account anlegen“) oder größere („Ich werde einen Onlinekurs zum Thema Social-Media-Marketing absolvieren“) auf eine konkrete Zeitleiste zu legen und mit ersten Pilot-Maßnahmen direkt zu beginnen. Ziel dieser Pilotmaßnahmen ist es, abstrakte Pläne und Ziele schnell in Form von ersten Erkenntnissen und im besten Fall Erfolgserlebnissen in die Tat umzusetzen.
Die auf einer Zeitleiste angeordneten Maßnahmen ergeben also für jeden einen persönlichen Entwicklungsplan, anhand dessen man selbst nachvollziehen kann, inwiefern man die sich selbst gesteckten Ziele erreicht hat. Ultimativ sorgt ein solcher digitaler Entwicklungsplan aber dafür, dass man sich als Subjekt der Wirtschaft und Gesellschaft aus einer passiven, abwartenden Rolle („Was wird die Digitalisierung noch alles mit sich bringen?“) in eine aktive, gestaltenden Rolle („Was werde ich mit diesen Technologien noch alles machen können?“) bewegt und somit den Veränderungen aus einer neuen Perspektive positiv und optimistisch entgegenblicken kann.

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