17.08.2018

Transformieren ist ein Verb, das groß geschrieben werden muss!

Wer noch keine Lust, keinen Mut oder keine Selbstsicherheit hat, sich und sein Unternehmen zu transformieren, der hat es wahrscheinlich noch nicht mit EBT probiert.

Als die Engländer Indien kolonialisierten, standen sie vor einem ungewöhnlichen Problem. Sie fürchteten sich vor Schlangen, allen voran vor Kobras, von denen es in Indien zu Haufen gab. Also versuchten sie das Problem kurzerhand durch ein Gesetz zu lösen, nach dem jeder tote Kobrakopf, der ihnen vorgelegt wurde, mit fünf Geldeinheiten entlohnt wurde. Der Plan schien zunächst aufzugehen. Nach einiger Zeit stellte sich allerdings heraus, dass das Ganze eine Luftnummer war. Sie merkten nämlich, dass die Einheimischen angefangen hatten, Kobras zu züchten. Also begannen sie den zweiten folgenschweren Fehler, sie nahmen das Gesetz einfach wieder zurück mit der Konsequenz, dass die Menschen  die Schlangen wieder frei ließen. Es gab hinterher also sogar deutlich mehr Kobras als davor.

Der Problem mit eindimensionalen Lösungen

Dieses Phänomen, inzwischen als Kobra-Effekt bekannt, lässt sich häufig in komplexen Systemen beobachten und ist durch den nichtlinearen Charakter solcher Systeme begründet. Im Gegensatz zu komplizierten Systemen (die von komplexen Systemen gänzlich zu unterscheiden sind) gelten in komplexen Systemen einfache Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge nach dem Muster “Wenn ich A mache folgt B” nicht oder nur eingeschränkt. Eindimensionale Lösungsansätze für mehrdimensionale Problemstellungen lösen das Problem nämlich i.d.R. nicht, “verschlimmbessern” es im Extremfall sogar. Aus diesem Grund sind Best Practice Maßnahmen mit steigender Komplexität unter Umständen sogar gefährlich.

Mit Experience Based Transformation Komplexität sinnvoll steigern

Wie ist das zu erklären? Sowohl Begründung als auch Hinweise zum Umgang mit komplexen Fragestellungen lassen sich aus einer systemtheoretischen Erkenntnis ableiten. Der britische Psychiater und Pionier der Kybernetik Ross Ashby formulierte in den 60er Jahren das nach ihm benannte Ashbysche Gesetz, nach dem mit steigender Varietät der Umwelt auch eine steigende Varietät des Steuerungssystems erforderlich wird (“Only variety destroys variety”). Das klingt nun ziemlich abstrakt, ist vor dem Hintergrund steigender Komplexität und Dynamik  allerdings von fundamentaler Bedeutung. Vereinfacht ausgedrückt ergibt sich aus dem Ashbyschen Gesetz nämlich folgende Schlussfolgerung: Die Maßnahmen zur Bewältigung komplexer Probleme müssen ebenfalls komplex sein, nicht einfach. Die Fähigkeit Komplexität sinnvoll zu steigern ist aus meiner Sicht eine Schlüsselkompetenz für erfolgreiches Management in komplexen, unsicheren Zeiten.

Es gibt tatsächlich viele Wege Komplexität sinnvoll zu steigern. Eine Möglichkeit besteht beispielsweise darin, die Netzwerkdichte zu erhöhen. Ein weiterer Ansatz ist die Erweiterung rationaler Argumente um emotionale Komponenten. Storytelling zu betreiben ist ebenfalls ein geeignetes Werkzeug zur Steigerung der Komplexität. Ein weitere Möglichkeit besteht darin, die Orientierung eines Unternehmens nicht nach Zahlen sondern nach Werten auszurichten.

Ich möchte in diesem Artikel den Fokus allerdings auf einer speziellen Möglichkeit der Komplexitätssteigerung legen. Im Wesentlichen geht es darum, Interessengruppen einer bevorstehenden Veränderung eine Erfahrungswelt anzubieten, in der die wesentlichen Aspekte der Transformation real erlebbar und greifbar werden. Hinter Experience Based Transformation (EBT) verbirgt sich ein Ansatz, der die Komplexität von Transformationsmaßnahmen sinnvoll steigert und die Wirksamkeit dadurch drastisch erhöht.

Eine der größten Herausforderungen, die es in Transformationsprojekten zu bewältigen gilt, besteht darin, aus Betroffenen der Transformation, Beteiligte zu machen. Dies gilt für alle Unternehmensebenen:

 

  • Die Shareholder, die unmittelbar vom Erfolg oder Misserfolg des Managements betroffen sind.
  • Die Geschäftsführung, die für den Erfolg des Unternehmens verantwortlich ist, also auch für dessen Zukunft und somit auch eine gesellschaftliche Verantwortung mindestens in Form von Arbeitsplätzen trägt.
  • Die Führungskräfte, die operativ für die Umsetzung der Strategie des Unternehmens zuständig sind, gleichzeitig aber auch Mitarbeitern Orientierung geben müssen.
  • Die Mitarbeiter, die letztlich die eigentliche Wertschöpfung betreiben. Sie stellen zudem die größte Gruppe dar und haben im Kollektiv eine große Macht, ob bewusst gesteuert oder durch massenpsychologische und strukturelle Faktoren begründet.

Alle diese Ebenen müssen Transformationsmaßnahmen unterstützen. Zieht eine der genannten Parteien nicht mit, scheitern diese früher oder später.

Wie ich Erfahrungswelten kreiere

Experience Based Transformation (EBT) berücksichtigt die Logik der gezielten Komplexitätssteigerung, indem den Stakeholdern passend zur eigentlichen Problemstellung entsprechende Erfahrungswelten angeboten und somit persönliche Erfahrungen ermöglicht werden. Dadurch erhöht sich die Wirkung einer Maßnahme signifikant. Es geht bei EBT nicht darum Lösungen auf und fürs Papier zu entwerfen. Vielmehr sollen Lösungswege greifbar aber auch ergebnisoffen gestaltet werden.

Im Folgenden möchte ich ein paar konkrete Praxisbeispiele für EBT beschreiben. Wer diese Methoden noch nicht nutzt, der darf sich an dieser Stelle herzlich eingeladen fühlen, sie für komplexe Fragestellungen ins Methodenrepertoir aufzunehmen und bei Gelegenheit darüber nachzudenken es einfach Mal auszuprobieren:

 

  • Die Entwicklung von Prototypen zur Validierung einer Lösungsidee bietet die Möglichkeit schnell und einfach wertvolles Feedback zu generieren. Die Lösung wird sich i.d.R. dadurch schnell weiter entwickeln, ggf. sogar komplett ändern. Es geht im Grunde darum einen Ball in die Luft zu werfen und zu schauen, wie die Welt bzw. der Ball auf die Welt reagiert. Nur so lernt man etwas über die Welt da draußen. Und weil sich die marktbestimmenden Faktoren durch Technologien, Bedürfnisse und Geschäftsmodelle im Gegensatz zu den Naturgesetzen immer schneller ändern, wird auch der Ball zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich reagieren.
  • Geht es um Transformationsmaßnahmen, so kann man statt von Prototypen auch von Experimenten sprechen. Etwas möglichst einfach und im Kleinen auszuprobieren unterscheidet sich deutlich von einer hypothetischen Ebene der einfachen Nutzerbefragung – z.B. ob Menschen es gut fänden, wenn sie künftig papierlos oder gar agil und interdisziplinär zusammenarbeiten würden. Wer es im kleinen Kreis ausprobiert, wird schnell merken, was die echten Hürden sind und welche Lösungen sich wirklich skalieren lassen. Wer das BML Prinzip (Build, Measure, Learn) kennt, der weiß, worauf es hierbei ankommt: Besser schlecht gestartet als perfekt gezögert.
  • Der Aufbau von Inkubatoren kann ebenfalls zu einer Transformations-Beschleunigung führen. Sie ermöglichen es, das Menschen fernab der großen Organisation, in „geschützter“ Umgebung, eigene Ideen entwickeln und erproben können. Niemand muss die Konsequenz des Scheiterns fürchten und so mancher Status Quo lässt sich durchaus kritischer reflektieren. Notwendig hierbei ist es, möglichst vielen Mitarbeitern und vor allem Führungskräften die Gelegenheit zu geben sich in solchen Rahmenbedingungen zu bewegen und ein alternatives Mindset zu entwickeln. Nicht selten stellt sich hier ein “Der-Appetit-kommt-beim-Essen-Phänomen” ein. Daher empfehlen wir Inkubatoren immer als Cost-Center zu betreiben, die neben der eigentlichen Funktion hinsichtlich der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle auch die Funktion eines “Transfojanischen Pferdes” übernehmen – das Trojanische Pferd zur Transformation. Der Inkubator ist der Ort, an dem aus “Das haben wir noch nie so gemacht” früher oder später “Cool! Das haben wir noch nie so gemacht” werden soll.
  • Eine weitere Möglichkeit im EBT-Ansatz und der hierin folgenden Logik hinsichtlich der Schaffung einer Erfahrungswelt besteht in der Durchführung von Experience Trips. Wir fahren regelmäßig mit Unternehmern und Entscheidern ins Silicon Valley, nach Seattle, aber auch nach Berlin und Hamburg und zukünftig sogar nach Tel Aviv und China. Vor Ort besuchen wir Startups und führende Unternehmen der New Economy und ermöglichen einen intensiven Austausch zu den grundlegenden Erfolgsfaktoren und Arbeitsweisen im digitalen Zeitalter – wir machen die wesentliche Unterschiede greifbar und vor allem hautnah erlebbar. Die Effekte, die wir auf solchen Reisen erzeugen, lassen sich mit Worten, Bildern oder Powerpoint-Präsentationen bei weitem nicht erreichen. Mitarbeiter dieser Unternehmen berichten uns von teils faszinierenden Sinneswandlungen, Paradigmenwechsel und ganz neuen Handlungsmustern, die vom Top Management schon kurze Zeit später initiiert worden sind. Auf einmal heißt es nicht mehr: “Das haben wir noch nie so gemacht”, sondern “Cool! Das haben wir noch nie so gemacht” und “Ja, lasst es uns mal AUSPROBIEREN”. Ein wesentliches Merkmal solcher Reisen ist auch die hier erzeugte Vernetzung der Unternehmer und Unternehmerinnen untereinander. Dieser ist ein weiterer wesentlicher Aspekt des EBT-Ansatzes.
  • Die Steigerung der Netzwerkdichte folgt einem fundamentalen systemischen Prinzip und ist die wohl bedeutendste Stellschraube im Sinne der Komplexitätssteigerung. Dies gilt für Informationen, aber vor allem auch für Menschen. Wo immer Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter denen ein möglichst vielfältiges Spektrum an Menschen, Hintergründen, Erfahrungen und Kompetenzen gemeinsame Interessen schaffen und verfolgen können, entstehen großartige Dinge. Im EBT- Ansatz schaffen wir Räume für Begegnungen und den Austausch zwischen unterschiedlichsten Menschen. Ob auf unseren Experience Touren, in Inkubatoren oder physischen Plattformen in Form von Events und Veranstaltungen. Ob es sich hierbei um Fuck-up Nights handelt, Usability Breakfasts, Bootcamps oder ganz andere Formate, am Ende entfalten diese Ihre Wirkung, wenn Menschen zusammenkommen und Interagieren. Nachhaltig wird es, wenn sie sich vernetzen und den Austausch aufrecht erhalten.
  • Ein wie ich finde eingängiges Beispiel für die Wirkung erlebnisbasierter Maßnahmen und die darin enthaltene Komplexität stellen die Tupper-Parties oder – etwas aktueller – die Thermomix-Parties dar. Vorwerk selbst nennt es sogar: “Erlebniskochen”. Hier werden Produkte nicht anhand typischer und vergleichbarer Attribute in einem Katalog oder Online-Shop angeboten, auch nicht (etwas komplexer) im Handel ausgestellt und tastbar gemacht, sondern in einem gesellschaftlich angenehmen Rahmen, optimalerweise unter Freunden, erlebbar.

Es gibt unzählige weitere gute Beispiele, die zeigen, warum und wann EBT sinnvoll ist. Ich hoffe allerdings, dass die kleine Auswahl genügt, um zu zeigen, dass es in einer zunehmend komplexen Welt nicht einzig darum gehen kann intuitiv, ja fast schon reflexartig nach Komplexitätsreduktion zu streben. An gegebener Stelle geht es schlicht und ergreifend um die Akzeptanz und das Annehmen dieser Komplexität und der daraus resultierenden Nichtlinearität sowie wachsenden Unsicherheit. Mit dieser Akzeptanz eröffnen sich nämlich alternative Handlungsoptionen, die selbst komplexer aber auch wirkungsvoller sind. Das Eröffnen und Anbieten einer Erfahrungs- und Erlebniswelt im Kontext der Problemstellung – oder wie wir es nennen: Experience Based Transformation (EBT) folgt dieser Logik und hilft unseren Kunden Erfahrungen zu sammeln, die sowohl zu der ein oder anderen Erkenntnis als auch wesentlich zu Stärke, Selbstsicherheit, Mut aber auch Lust beitragen – Lust sich weiterzuentwickeln und zu transformieren.

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